Ejaculatio praecox
Aus der Reihe »Sexualstörungen in der Praxis« – Fachartikel, erstmals veröffentlicht in der Zeitschrift Der Hausarzt.
Die Ejaculatio praecox des Mannes ist ein häufiges Problem der Sexualberatung – auch beim Hausarzt. Ein Allgemeinarzt aus Aachen schildert den Fall eines 26-Jährigen, bei dem der vorzeitige Samenerguss seit dem ersten Sexualkontakt in jeder Beziehung auftritt; organische Abklärung und Hormonstatus waren unauffällig. Sein Rat holen möchte der Arzt zur Frage, ob ein sexualtherapeutisches Übungsmanual der richtige nächste Schritt ist.
»Spezifische« Übungen
Quer durch alle Altersgruppen leiden etwa 30 % aller Männer unter vorzeitigem Samenerguss. Direkte organische Ursachen sind äußerst selten (etwa 2 %), hormonelle Gründe lassen sich grundsätzlich ausschließen – es handelt sich um eine rein psychisch verursachte sexuelle Störung. Klassischer erster Schritt der Sexualtherapie ist ein Übungsprogramm, mit dem der Mann Entspannung und Hingabe in kleinen Schritten lernt; nach etwa zehn Wochen sollte ein deutlicher Erfolg sichtbar sein.
Meinem Erfahrung nach greift es jedoch nur, wenn das Problem erst besteht; bei langjährigem vorzeitigem Samenerguss reicht es nicht – hier müssen die tieferen Ursachen gesucht werden.
Psychische Hintergründe
Auffallend: Diese Männer sind sehr unzufrieden mit sich selbst – nicht nur im Bett, sondern generell. Sie wollen anders sein, als sie sind: kräftiger, leistungsfähiger, emotional robuster. Sie lehnen die männliche Identität, die sie bei sich vorfinden, ab, weil sie andere Erwartungen an sich haben. Daraus entsteht ein Kreislauf permanenter Selbstüberforderung: hohe Anforderung – große Leistungsbereitschaft – Ziel nicht perfekt erfüllt – noch höhere Anforderung. Jede zusätzliche Spannung, etwa die sexuelle Erregung, ist dann kaum noch zu tragen und wird unwillkürlich möglichst schnell abgeführt – im vorzeitigen Samenerguss. Zurück bleiben zwei Unzufriedene: Die Frau hat selten den Orgasmus erlebt, dem Mann war der Genuss zu früh vorbei.
Ansätze zu dauerhafter Problemlösung
Sexualtherapie hat hier zuerst die Aufgabe, dem Mann diese Wirkungszusammenhänge an seinem eigenen Leben zu verdeutlichen. Dann kann
er erkennen, dass die Lösung nicht von außen kommt, sondern bei ihm selbst und seinem Umgang mit sich liegt. Im zweiten Schritt hinterfragt er seine hohen Selbsterwartungen, lernt Selbstakzeptanz und Wege, die innere Grundspannung zu senken: Entspannungsübungen, Entlastung im Alltag, Hilfe annehmen, ohne sich als Versager zu fühlen. Widerstände sind dabei normal – ebenso die Erfahrung, wie befreiend die Loslösung vom Erwartungsdruck ist. Parallel gelingt es ihm zunehmend, den Sexualakt ohne Anstrengung länger zu genießen und den Zeitpunkt des Orgasmus selbst zu steuern.
Der konkrete Fall
Aus dieser Sicht ist fraglich, ob dem Patienten schlicht mit einem Übungsmanual geholfen ist. Ein Versuch schadet nicht: Übungen mitgeben, in zehn Wochen wiederbestellen, Wirkung besprechen. Bei ausbleibender Besserung sollte er zeitnah Kontakt zu einem Sexualtherapeuten aufnehmen.
Volker van den Boom, Aachen
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